Wissenswertes zum Krieg: Kampf auf Leben und Tod im Reichstag

Wissenswertes zum Krieg: Kampf auf Leben und Tod im Reichstag

Berlin, Ende April 1945. Das Dritte Reich liegt in den letzten Zügen. Und mit ihm eines seiner symbolträchtigsten Gebäude: der Reichstag. Die von der Roten Armee eingekesselte deutsche Hauptstadt gleicht einem Albtraum. Ein apokalyptisches, infernalisches Bild, in dem Feuer und Zerstörung herrschen. Gigantische Rauchsäulen steigen dort auf, wo die Brände noch verzehren, was in Berlin überhaupt noch brennbar ist.

Über der Stadt weint der bleierne Himmel einen feinen Regen, viel zu kalt für den Frühling… Aber das ist Berlin, eine Stadt, in der das Wetter keine Gnade kennt. Die sowjetische Artillerie ebenso wenig. Seit Tagen nehmen die Langstreckengeschütze das Stadtzentrum nach Belieben unter Beschuss. Egal wohin der Blick fällt: Der Hagel russischer Granaten hat fast alles zerschmettert, was noch aufrecht stand. Die einst prunkvollen Regierungsbauten sind nur noch unförmige Trümmerhaufen. Fassaden, die mit der Schwerkraft flirten, scheinen mit leeren Augenhöhlen den Soldaten und Zivilisten zu folgen, die es wagen, das Ruinenmeer der deutschen Hauptstadt zu durchqueren.

 

Berlin, eine Geisterstadt, vom Krieg verwüstet.

 

Der Vorabend der Schlacht um Berlin

 

Seit dem 25. April lauern Infanterie und Panzerverbände der Roten Armee in den Vororten Berlins. Tage zuvor, während der Schlacht um die Seelower Höhen (16. bis 18. April) – der vorletzten großen Schlacht an der Ostfront –, sahen sich dezimierte deutsche Einheiten gezwungen, sich in die Reichshauptstadt zurückzuziehen. Berlin, nun zur „Festung“ erklärt, wird zum Schauplatz des Endkampfes zwischen Sowjets und Deutschen.

In Seelow waren die Verluste auf beiden Seiten verheerend. Keine der Parteien wagt es, genaue Zahlen zu nennen, doch die Geschichte ist geduldig. Heute schätzt man die menschlichen Verluste in Seelow – Gefallene und Verwundete zusammengenommen – auf 30.000 bis 50.000 Mann… in nur 72 Stunden Kampf.

 

Artillerievorbereitung der Roten Armee auf den Seelower Höhen, östlich von Berlin.

 

In den letzten Apriltagen sah sich die letzte Verteidigungslinie der Wehrmacht gezwungen, sich nach Berlin zurückzuziehen, um in einem letzten Aufbäumen den sowjetischen Ansturm aufzuhalten. Viele deutsche Soldaten erreichen die Stadt völlig entkräftet. Es fehlt an Verpflegung, Wasser und Munition. Den ausländischen Freiwilligen, die sie auf dem mehr oder weniger geordneten Rückzug begleiteten, ergeht es nicht besser. In den Ruinen oder düsteren Kellern entspinnen sich Gespräche zwischen Wehrmachtssoldaten und Waffen-SS-Männern aus halb Europa. Zerschlagene Einheiten aus Franzosen, Belgiern, Dänen, Letten… sogar eine Handvoll Spanier erwarten die letzte Offensive. Trockene Kehlen beschwören bessere Zeiten herauf. Wasser… ein kostbares Gut, für das man tötet oder stirbt.

Auch Jungen der Hitlerjugend – manche kaum mehr als Kinder, die Krieg spielen – teilen das bange Warten mit erfahrenen Veteranen, die sie mitleidig mustern. Schweigend sehen sie deren vorhersehbares Ende voraus. Sie wissen, was Krieg bedeutet. Neben ihnen betrachten Männer gesetzten Alters, ja sogar Greise, die den Ersten Weltkrieg am eigenen Leib erfahren haben, mit entsetzten Augen das Werk der feindlichen Artillerie. Wann kommt der Angriff? Diese Frage frisst sich in ihre Eingeweide. Die Nerven liegen blank.

 

In aller Eile rekrutierte Männer, bewaffnet mit Panzerfäusten, verstärken die Reihen des Volkssturms.

 

In den ersten Stunden und Tagen der Schlacht um Berlin unternahmen sowjetische Panzer Vorstöße in die Außenbezirke. Die Infanterie der Roten Armee traute ihren Augen kaum angesichts des erbitterten Widerstands der kaum 90.000 Verteidiger (von denen nur die Hälfte Soldaten sind): Dutzende der von ihnen eskortierten Panzer fielen einem vernichtenden Feuerhagel zum Opfer. Die Panzerfaust, von den hartnäckigen Verteidigern meisterhaft eingesetzt, erwies sich als einfache und effektive Lösung, um die feindliche Offensive in einigen Stadtsektoren aufzuhalten. Auch die Maschinengewehre MG-42, die Sturmgewehre StG-44 und Handgranaten standen dem in nichts nach; ihre mehr als bewährte Feuerkraft diente ebenso dazu, die feindlichen Angriffe abzuwehren.

Einige dieser deutschen Soldaten, wie auch etliche Freiwillige der Waffen-SS, führen eine Waffe mit sich, die den Krieg lange begleitet hat. Es handelt sich um die Maschinenpistole 40 (MP-40) aus deutscher Produktion – noch immer ein Symbol für die Waffenkraft des Dritten Reiches, das nun kurz davor steht, binnen Stunden oder Tagen zusammenzubrechen. Ihre Träger, viele von ihnen kampferprobte Veteranen, kennen ihre keineswegs komplexe Funktionsweise in- und auswendig.

 

Deutscher Soldat mit einer MP-40 während der längst vergangenen Schlacht um Stalingrad.

 

Kurze Vorgeschichte der MP-40

 

Im Jahr 1938 entwarf Heinrich Vollmer eine Waffe, die Geschichte schreiben sollte. Zwar bedienten sich deutsche Infanteristen bereits in der Endphase des Ersten Weltkriegs Maschinenpistolen vom Typ MP-18, um feindliche Gräben mit relativer Leichtigkeit zu stürmen und zu säubern, doch erst in den dreißiger Jahren war die Zeit reif für eine weiterführende Entwicklung und Großserienproduktion dieser Waffengattung.

Der vorangegangene Weltkrieg hatte die Nutzlosigkeit des Stellungskrieges zugunsten eines Bewegungskrieges bewiesen, bei dem es vorrangig darum ging, den Feind zu überflügeln, einzukesseln und rücksichtslos zu vernichten. Zudem hatten der Große Krieg und nachfolgende Konflikte deutlich gemacht, wie wichtig der Einsatz von Waffen mit höherer Feuerrate – also Automatikwaffen wie Maschinengewehre und die ersten Maschinenpistolen – gegenüber den alten Repetiergewehren war.

So dauerte es nicht lange, bis die Nationen in einem frenetischen Wettlauf begannen, diese Instrumente des Todes zu entwickeln und zu produzieren, um ihre Konkurrenten zu übertrumpfen. Vollmer und andere Hersteller träumten in jenen dreißiger Jahren davon, die perfekte Waffe zu patentieren. Doch wie so oft im Ingenieurwesen erfordert der Weg zum endgültigen Design verschiedene Phasen, die Zeit und Mühe kosten. Dies galt auch für die MP-40, eine Waffe, die ihren höchsten Perfektionsgrad auf dem Höhepunkt des Zweiten Weltkriegs erreichte. Ihr gingen mehrere Modelle voraus, wie die MP-38, die materialtechnisch kostenintensiver und in der Massenproduktion deutlich aufwendiger war.

 

MP-38. Vorgängermodell der Maschinenpistole 40.

 

Eine Reihe von Entscheidungen führte dazu, dass sich die MP-40 gegenüber früheren Modellen durchsetzte. Entscheidend war dabei der Ersatz von aufwendig gefrästen Teilen – gefertigt in fast „handwerklicher“ Manier an Drehbänken – durch Stanzteile aus Stahlblech. Diese waren wesentlich einfacher zu montieren und justieren, ganz zu schweigen von der enormen Zeitersparnis bei der Fertigung am Fließband.

Die MP-40 erwies sich im laufenden Krieg als unverzichtbares Werkzeug für die Blitzkrieg-Taktik, die genau diese Art von Maschinenpistolen für Infanterie und Panzertruppen forderte.

Statistisch sei angemerkt, dass bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs über eine Million Exemplare produziert wurden. Auch wenn die MP-40 im Großen und Ganzen die Erwartungen erfüllte und sich als zuverlässig erwies, darf nicht übersehen werden, dass sie im Vergleich zu ähnlichen Waffen der gegnerischen Mächte auch Nachteile aufwies. Die amerikanische Thompson, die legendäre russische PPSh-41, die britische Sten Mark II und sogar die finnische Suomi KP/-31 zeigten allesamt ihre Licht- und Schattenseiten, sobald sie sich im Gefecht bewähren mussten.

 

Denix-Replika der MP-40.

 

Das Dritte Reich neigt sich dem Ende zu.

 

Der Königsplatz, jener weitläufige Platz zu Füßen des Reichstags, glich an jenem Morgen des 30. April 1945 einer Mondlandschaft. Zerfurcht von unzähligen Kratern und durchzogen von einem riesigen, mit Wasser gefüllten Panzergraben, der fast die gesamte Nord-Süd-Ausdehnung einnimmt, wird der Platz zum Schauplatz einer der dramatischsten Episoden in der Schlacht um Berlin.

Am Vortag war es der sowjetischen Infanterie mit massiver Panzerunterstützung gelungen, mehrere Gebäude in diesem symbolträchtigen Areal unter ihre Kontrolle zu bringen. Der Königsplatz, mitten im Berliner Diplomatenviertel gelegen, ist kaum wiederzuerkennen. Sämtliche umliegenden Gebäude wurden ausnahmslos durch Artilleriefeuer und Bombenangriffe in Schutt und Asche gelegt. Die Rote Armee ist nicht gewillt, mehr Panzer und Soldaten zu opfern als unbedingt nötig. Die Einnahme der nahen Moltkebrücke und des Innenministeriums, in dessen Hallen noch immer die Schüsse der letzten deutschen Verteidiger hallen, hat das sowjetische Oberkommando bereits einen enormen Blutzoll gekostet. Nun ist die Zeit für den vernichtenden Schlag gekommen…

 

Luftaufnahme des Königsplatzes mit dem Reichstag auf der rechten Seite.

 

Verschanzt in den Trichtern, die den Königsplatz übersäen, erwarten die deutschen Soldaten den sowjetischen Ansturm. Im ersten Tageslicht, begleitet von einem regenverhangenen, grauen Himmel, umklammern nervöse Hände die Waffen, mit denen sie sich in wenigen Minuten der russischen Dampfwalze entgegenstellen müssen. Die MP-40, vom Zahn der Zeit gezeichnet, scheinen jenen Glanz verloren zu haben, der sie in ihren ersten Tagen begleitete.

Die kampferprobten Soldaten betrachten die Patina auf dem Metall fast wie eine wohlverdiente Auszeichnung dafür, dass die Waffe dem harten Frontalltag standgehalten hat – treue Begleiter ihrer Herren bis zum bitteren Ende.

Während die einen den Abzugsmechanismus prüfen, laden andere hastig ihre Magazine auf. Jedes Magazin, ausgelegt für zweiunddreißig Patronen, ist im entscheidenden Moment der letzte Rettungsanker. Doch die alten Hasen wissen: Um Ladehemmungen zu vermeiden, lädt man besser nur dreißig Schuss. Mancher Kamerad, verraten vom tückischen Zuführsystem der Waffe, weilt schon nicht mehr unter den Lebenden.

Rund fünftausend Mann, verteilt im Sektor des Reichstags, lauschen der furchterregenden Sinfonie, die vom anderen Ufer der Spree herüberdringt. Über dem reißenden Fluss dient die Moltkebrücke, Schauplatz dramatischer Kämpfe nur Stunden zuvor, nun als lebenswichtiger Korridor für die russischen Panzerverbände. Das Dröhnen ihrer Motoren dringt bis zu den deutschen Verteidigern vor. Bald zeichnen sich die Silhouetten der T-34 auf der Straße ab, die von der Brücke zum Königsplatz führt. Durch den Rauch und Staub, der über der Hauptstadt liegt, nähern sich die Stahlkolosse langsam und wachsam – die Besatzungen haben gelernt, dass ein blindes Vorpreschen in den Straßen Berlins den vorzeitigen Tod bedeutet.

 

Zwei Soldaten teilen sich Tabak vor dem drohenden Gefecht (links eine MP-40).

 

Plötzlich zeichnen sich tödliche Schweife in der Luft ab. Es sind die deutschen Panzerfäuste, die den feindlichen Panzern entgegenrasen. Kurz darauf ist eine Serie von Explosionen zu hören. Einige Deutsche, die in vorderster Linie Stellung bezogen haben, haben Volltreffer gelandet. Flammen verzehren die Panzer, die von den Hohlladungsgeschossen getroffen wurden – Projektile, die fähig sind, diese Stahlbestien zu zerfetzen, als handele es sich um Blechspielzeug. Der anfängliche Jubel vermischt sich schnell mit dem Wimmern der Verwundeten, denn beim Rückzug auf den Reichstag fallen die wagemutigen Panzerjäger unter dem unerbittlichen, vernichtenden russischen Feuer.

Immer mehr Panzer bahnen sich trotz des heftigen deutschen Beschusses ihren Weg zum Reichstag. Starke Infanterieverbände eskortieren diese mastodonischen Ungeheuer, deren mächtige Kanonen unaufhörlich dröhnen. Der Boden bebt und scheint entzwei zu brechen. Es sind die T-34 und die gewaltigen KV-1, die nur einen Schritt vom Sieg entfernt mit brachialer Gewalt auf den Königsplatz vorstoßen.

 

Moltkebrücke.

 

Die letzten Augenblicke im Reichstag.

 

Die Stunde des Nahkampfs hat geschlagen. Da die sowjetische Infanterie bereits auf dem Platz steht, tauchen die Deutschen aus ihren Kratern auf oder erheben sich hinter ihren Brustwehren, um ihre Waffen auf die anrollende braune Flut zu richten. Hunderte russische Soldaten feuern ihre Waffen aus der Hüfte ab, wohl wissend um ihre zahlenmäßige Überlegenheit gegenüber den erschöpften Verteidigern. Über ihre Köpfe hinweg zischen Dutzende von Granaten, ausgespien von Artillerie und Panzern. Sie zögern nicht, einen Sturm aus Stahl und Zerstörung zu entfesseln, um ihre Kameraden zu schützen.

Die Infanteristen der Wehrmacht und der Waffen-SS feuern aus allen Rohren, um die feindlichen Wellen zurückzuschlagen. Zahlreiche MP-40 stimmen im Chor ihr Todeslied an. Wer sie geschickt handhabt, leert ein Magazin nach dem anderen. Mit dem Finger am Abzug sind die rund dreißig Patronen in kaum fünf Sekunden verschossen. Bald ertönen die üblichen Rufe. Verwundete und Schützen, wie durch ein Wunder noch unverletzt, schreien nach Sanitätern beziehungsweise Munition. Die ersten Grabenlinien fallen in sowjetische Hand, jedoch nicht ohne einen hohen Blutzoll zu fordern – ganz zu schweigen von den schrecklichen Verlusten an Panzerfahrzeugen.

Direkt unter der Fassade des Reichstags sprühen die verzweifelten Verteidiger, den Finger am Abzug ihrer MP-40 festgeschweißt, Blei nach allen Seiten. Vor ihnen fallen die Soldaten der Roten Armee wie die Kegel. Hinter den Mauern des Regierungsgebäudes feuern weitere deutsche Infanteristen ihre Kar-98 und die modernen StG-44 ab, in einem selbstmörderischen Versuch, die Stellung zu halten.

 

In anderen Sektoren der Stadt bieten die Folgen der Kämpfe ein Bild der Verwüstung.

 

Unter ihren Füßen stinken die Keller des Reichstags nach Tod. Überfüllt mit Verwundeten, mit kaum genug Licht, um denjenigen Erste Hilfe zu leisten, die zerfetzt vom Schlachtfeld kommen – geschweige denn, um chirurgische Eingriffe vorzunehmen –, haben sich die Eingeweide dieses von der Artillerie verstümmelten zyklopischen Gebäudes in ein wahres Schlachthaus verwandelt. Nicht einmal das dort unten herrschende Halbdunkel vermag die herzzerreißende Szene zu verbergen, die Dutzende von Männern erblicken; einige bereit, bis zum Ende zu kämpfen, andere kurz davor, den Verstand zu verlieren.

Mit jeder Stunde, die verstreicht, verschärft sich die Schlacht bis ins Unermessliche. Man fordert sogar den Flakturm am Zoo an, um mit seinen mächtigen Geschützen die gesamte Fläche des Königsplatzes unter Beschuss zu nehmen. Die Bitte wird erhört. Bald kündigt sich das ohrenbetäubende Pfeifen der großkalibrigen Granaten an, die mit teuflischer Geschwindigkeit vom westlichen Ende des nahegelegenen Tiergartens herannahen. Erdfontänen, groß genug, um ein ganzes Gebäude zu verschlingen, brechen mit mörderischer Wut aus dem Boden hervor. Die sowjetische Infanterie wird durch die Luft gewirbelt wie Stoffpuppen. Auch die tonnenschweren russischen Panzer werden in den Himmel geschleudert, wo sie für den Bruchteil einer Sekunde in der Luft zu stehen scheinen, um dann als glühender Schrotthaufen vermischt mit menschlichen Überresten herabzuregnen.

 

Die sowjetischen „Stalinorgeln“ legen die ganze Stadt in Schutt und Asche.

 

Bei Einbruch der Dämmerung gelingt es den ersten Vorhutspitzen der Roten Armee, in den Reichstag einzudringen. Draußen herrscht absolute Trostlosigkeit. Hunderte von Leichen, überall verstreut, liegen in grotesken Verrenkungen nebeneinander. Ihre Waffen, unzertrennliche Begleiter bis zum letzten Atemzug ihrer Besitzer, speien noch immer dünne Rauchfahnen aus den Läufen. Sie haben seit dem frühen Morgen ununterbrochen gearbeitet. Die leblosen Überreste von Russen und Deutschen, bis vor wenigen Augenblicken noch Feinde, treten nun gemeinsam den Weg in die Ewigkeit an. Zahlreiche PPSh-41 und MP-40, zurückgelassen auf dem Schlammteppich, zu dem der Königsplatz geworden ist, werden von jenen Soldaten der Roten Armee aufgelesen, die in Kürze den Befehl zum Sturm auf den Reichstag erhalten werden. In diesen Mauern ist es ratsam, dem Feind mit einer Maschinenpistole entgegenzutreten statt mit einem einfachen Mosin-Nagant-Repetiergewehr.

 

1. Mai, der entscheidende Tag in der Schlacht um Berlin.

 

Der Morgen des ersten Mai gewährt keine Atempause im Kampf. Im Inneren des Reichstags toben die Gefechte in den Fluren, auf Treppen und in Kellern. Ein Kampf ohne Gnade. Raum für Raum. Der Nahkampf ist unvermeidlich. Wer das Regierungsgebäude verteidigt, weiß, dass er mit dem Rücken zur Wand steht, denn von den Russen ist keine Gnade zu erwarten. Es bleibt nichts anderes übrig, als bis zum Ende Widerstand zu leisten. Der Fanatismus hat nichts mehr mit Ideologie zu tun; alles reduziert sich auf den Versuch, das eigene Leben zu retten oder das des verwundeten oder sterbenden Kameraden, der neben einem verblutet, während man selbst noch mehr oder weniger unversehrt auf den Beinen steht, um aus nächster Nähe auf jeden sowjetischen Soldaten zu feuern, der es wagt, hier einen Fuß hineinzusetzen.

 

Inneres des Reichstags nach den Kämpfen, wo noch die Spuren der Barbarei zu sehen sind.

 

Jeder Raum hat sich in ein Bollwerk verwandelt. Wahre Festungen, verteidigt von Männern, die verzweifelt versuchen, einen weiteren Tag zu überleben. Die Rote Armee zahlt einen hohen Preis für den Versuch, die russische Flagge in einer endgültigen Geste des Triumphs auf dem Reichstag zu hissen. Jeder gewaltsam eingenommene Raum bedeutet einen enormen Blutzoll für Stalins Truppen.

Dennoch werfen die sowjetischen Kommandeure immer mehr Männer in den Fleischwolf, zu dem dieses gespenstische Gebäude geworden ist – düster, von Granaten zerfetzt, wo Kerzen, Ölampen und das intermittierende Mündungsfeuer der Waffen und Handgranaten die einzigen Lichtquellen sind. Elektrizität ist ein unerreichbarer Luxus, der längst verschwunden ist.

Den ganzen Tag über finden trotz der Anstrengungen der Roten Armee, ihren ewigen Feind ein für alle Mal in die Knie zu zwingen, wilde Scharmützel zwischen den geschundenen Mauern des Reichstags statt. Die dort stationierten Einheiten der Wehrmacht und der Waffen-SS weigern sich zu kapitulieren. Unablässig speien die MP-40 auf beiden Seiten in rasendem Rhythmus Blei. In die Enge getrieben, ziehen sich die Verteidiger tief in den Keller zurück, wo sie sich mit aller Kraft gegen die russische Offensive stemmen. Dort unten werden Verwundete und Sanitäter in einen primitiven, erbarmungslosen Kampf verwickelt.

Das Rattern von Maschinenpistolen und das Detonieren von Handgranaten sind der Soundtrack dieses Tages. Hunderte von Neun-Millimeter-Hülsen bedecken wie ein Teppich den Boden unter den Füßen der letzten Wächter des politischen Symbols des Dritten Reiches schlechthin. Unzählige MP-40 knallen noch immer durch die Finsternis. Auch die Sturmgewehre StG-44 und die deutschen Luger stimmen in diese ohrenbetäubende Sinfonie mit ein.

Die russische Infanterie wiederum fegt mit ihren PPSh-41 im Anschlag fast blindlings über Brüstungen und durch Räume, da der Rauch jeden Winkel des Kellers erfüllt. Der intensive Geruch von Tod, Sprengstoff und verbranntem Pulver dringt in die Lungen derer, die noch leben, um den Kampf fortzusetzen.

 

Außenansicht des Reichstags. Im Vordergrund eine deutsche 8,8 cm Flak im verzweifelten Einsatz zur Panzerabwehr.

 

Mit den letzten Stunden des Tages scheint der Kampf sein Ende zu finden... Das zumindest glauben einige russische Soldaten, zuversichtlich beim Anblick mehrerer Gruppen von Deutschen, die die Kapitulation dem Tod in diesem Albtraumszenario vorziehen. Bald werden sie aus diesem unrealen Traum erwachen.

Auch mehrere hohe Befehlshaber der Roten Armee träumten Stunden zuvor davon, die russische Flagge auf dem Reichstag zu hissen, um Stalin am symbolträchtigen 1. Mai die Kapitulation Berlins als Geschenk zu überreichen.

Lediglich einer kleinen Gruppe von Soldaten gelang es kurz vor Ende des 30. April, etwas Ähnliches wie eine rote Fahne auf dem Dach zu schwenken. Sie mussten sich bald zurückziehen, da die Kämpfe das Gebäude von oben bis unten verwüsteten.

 

Das Ende.

 

Es war nach Sonnenaufgang am 2. Mai, als schließlich ein deutscher Offizier, General Weidling, die Kapitulation unterzeichnete. Es fehlten nur wenige Minuten bis neun Uhr morgens. Uhren wie jene, die der russische Soldat am Handgelenk trug, als er für die Ewigkeit von Jewgeni Chaldej abgelichtet wurde.

Jener originale Schnappschuss, der später retuschiert wurde, um ihm mehr Dramatik zu verleihen und ihn von möglichen Interpretationen über Plünderungen durch sowjetische Infanteristen zu befreien, bleibt in unser aller Gedächtnis eingebrannt.

In jenen frühen Stunden des 2. Mai hallten im Inneren des Reichstags die letzten Schüsse wider, während die Sonne ihren Weg zum Firmament antrat. Deutsche Soldaten, unwissend über die von Weidling unterzeichnete Kapitulation, wehrten sich noch immer gegen die Aufgabe. Wie an anderen Orten der Geisterstadt weigerten sich kleine Gruppen, das Ende der Feindseligkeiten zu akzeptieren. Verschanzt in den Ruinen, ausgehungert, ohne Wasser und mit den allerletzten Patronen im Magazin, wurden sie bald unter einem vernichtenden Bleihagel niedergemacht.

 

Realistische Illustration von Antonio Gil, die eine Handvoll französischer Waffen-SS-Männer zeigt, die zu den letzten Verteidigern Berlins gehören und in erbitterten Kampf mit Infanteristen der Roten Armee verwickelt sind.

 

Die sowjetischen Soldaten, die beauftragt waren, die Widerstandsnester im Keller des Reichstags auszuheben, entdeckten, als nach stundenlangen wütenden Kämpfen Ruhe einkehrte, dass ihre Feinde auf einem Teppich aus Schutt lagen, verziert mit Patronenhülsen, die das schwache Licht der Taschenlampen reflektierten.

Wie so viele andere beugte sich ein russischer Infanterist über die Leiche eines deutschen Offiziers, dessen Uniform, blutig und staubbedeckt, stolz mehrere Auszeichnungen zeigte. Dieser Mann, leblos, noch immer seine Waffe umklammernd, schien sich nicht von dem tödlichen Stück Ingenieurskunst trennen zu wollen, das ihn auf seinem Sterbebett begleitet hatte.

Sowjetische Soldaten hissen auf dem Dach des Reichstags die Flagge der UdSSR.

Eine Waffe, die zusammen mit ihrem Besitzer bessere Zeiten gesehen hatte, als er an Bord eines Halbkettenfahrzeugs in Frankreich gekämpft hatte. Eine Waffe, die auch an anderen Schauplätzen wie Nordafrika und Italien im Einsatz war. Aber eine Waffe, die unvermeidlich zum außergewöhnlichen Zeugen der letzten Lebensstunden des Regimes von Adolf Hitler in der Hauptstadt des Dritten Reiches selbst geworden war.

Ja, jener russische Soldat, jung und mit neugierigem Blick, dessen Aufmerksamkeit auf den von Kugeln durchlöcherten Offizier gerichtet war, wollte die Gelegenheit nicht verstreichen lassen, mit einem wertvollen, symbolischen, ab diesem Moment legendären Andenken in das Mutterland zurückzukehren... Es handelte sich um eine MP-40, deren Oberfläche mit ihrer charakteristischen, durch die Zeit verursachten Patina den Lichtstrahl der Taschenlampe jenes Infanteristen aus dem Ural reflektierte.

Er packte sie fest, riss die MP-40 in die Höhe und schwenkte sie, einen Sieges-schrei unterdrückend, in der Luft, um sie seinen Kameraden im Zug zu zeigen.

Der Krieg war vorbei.

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Ein Artikel unseres Gastbloggers: Daniel Ortega del Pozo.

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